Telefon & Transparenz

Im Fernseh-Interview des Bundespräsidenten zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen reklamiert Christian Wulff mehrmals einen politischen Kampfbegriff des letzten Jahres für sich, nämlich den der Transparenz (siehe das Transkript der Sendung, dort auch Verweise zu Audio- und Video-Versionen des Interviews). Nun ist diese umgehend von BILD-Chefredakteur Kai Diekmann eingefordert worden. Er will eine Abschrift des in Frage stehenden Anrufs von Wulff auf seiner Mailbox veröffentlichen, da er einer Behauptung des Bundespräsidenten widerspricht: Nicht Verschiebung der kritischen Berichterstattung, sondern ihre Verhinderung wäre das Ziel des Anrufs gewesen. Dies wiederum möchte Wulff nicht. Das mag sein gutes Recht sein, allerdings beinhaltet sein Schreiben an Diekmann einen Satz, der misstrauisch macht: „Das habe ich nach meiner Erinnerung auf der Mailbox-Nachricht trotz meiner emotionalen Erregung auch zum Ausdruck gebracht.“ Insofern Erinnerungen bekanntermaßen auch trügen können, wäre also zumindest die Bewertung des Sachverhalts durch eine neutrale Persönlichkeit wünschswert.

Was hat diese Erörterung hier zu suchen, außer dass die betreffende Radio-Satire bereits Thema war? Sie bietet einen Anlass dafür, am Beispiel von Gremiensitzungen zu zeigen, wie die Piratenpartei versucht, Transparenz herzustellen (was nicht heißen muss, dass dies immer und überall wünschenswert ist sowie allein dadurch bereits gelingt): Sie führt zum Beispiel öffentliche Gremiensitzungen durch, und da nicht alle Interessenten persönlich anwesend sein können, wird dies auch technisch ermöglicht: Bei Telefonkonferenzen gibt es die Möglichkeit zuzuhören oder es werden Livestreams angeboten. Insofern kann es bereits Zeugen für die Kommunikation geben. Da aber auch Zeugen sich subjektiv erinnern können, ist die Dokumentation eine weitere Option, um Transparenz herzustellen. Dies praktiziert beispielsweise die Piratenfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, deren Fraktionssitzungen schließlich bei SoundCloud landen:

Was man mit solchen Quellen anfangen könnte, habe ich an anderer Stelle diskutiert und mein Literatur-Tipp dazu ist: Wikileaks and the Age of Transparency  (Amazon-Link).

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